Nachruf Dr. Karl Schnürl

karl_orgel_02_swDr. Karl Schnürl, langjähriger begeisterter Musiklehrer des Musikgymnasiums, ist im Juni 2011 verstorben. Auf seinen Wunsch wurden die Spenden anlässlich des Begräbnisses der Schule für Musikinstrumente übergeben. Wir möchten uns auf diese Weise für diese großzügige Unterstützung sehr herzlich bedanken. Karl Schnürl wird in unser aller Erinnerung einen wichtigen Platz einnehmen!

Im Namen der ganzen Schule

Dr. Christian Winkler

 

Das Leben war so schön
Karl Schnürl ist Anfang Juni 2011 verstorben

Der bekannte Sinnspruch „De mortuis nihil nisi bene“ geht im Falle von OStR Prof.Dr. Karl Schnürl völlig ins Leere: In den über 30 Jahren unserer Freundschaft fällt mir kein Vorfall, keine Situation ein, die für eine Verstimmung hätte sorgen können, nichts was man im Sinne des Spruchs verschweigen müsste – und ich bin überzeugt davon, es wird allen, die ihn gekannt haben und schätzen, ebenso gehen.

Am Freitag, dem 3. Juni 2011 ist Karl Schnürl nach kurzer schwerer Krankheit im 87. Lebensjahr im Kreise seiner Familie verstorben. „Das Leben war so schön, nun aber darf ich Schöneres noch erwarten!“, schrieb er in einem sehr berührenden Gedicht, das er im Oktober 2010 anlässlich seines endgültigen Abschieds vom Orgelspiel verfasste.

Am Schluss seines „Violinschlüsselbüchleins“, das Karl Schnürl anlässlich seines 80. Geburtstages im Jahre 2004 zusammenstellte, findet sich eine von ihm selbst verfasste Biographie, ein knapper Absatz nur, kurz und bündig und voller Bescheidenheit: „Geboren 1924 in St.Andrä-Wördern, lebt dort in seinem Geburtshaus. Lernte Klavier, Violine und Horn, versuchte sich als Chorleiter und Komponist und spielt immer noch die Orgel in der Kirche seiner Pfarre. Er studierte Musikwissenschaft, Germanistik und Musikpädagogik und unterrichtete als Musiklehrer an den Gymnasien in St. Pölten, Krems, Klosterneuburg sowie am Musikgymnasium in Wien. Das musikwissenschaftliche Institut der Universität Wien betraute ihn 74 Semester hindurch mit einem Lehrauftrag für Notationskunde.“

Ausgehend von diesen Zeilen möchte ich an einige Facetten seiner Persönlichkeit und seines Schaffens erinnern und diese ein wenig näher beleuchten.

Da wäre zuerst Karls Liebe zu seiner Familie, seine Verbundenheit mit der näheren Umgebung, seiner Heimat. Es bedeutete ihm sehr viel, in seinem Heimatort verankert zu sein – die Familie Schnürl war ja viele Jahrzehnte prägend für die musikalische Entwicklung von St.Andrä-Wördern, und Karls Tätigkeit war dabei umfassend und universell: Er wirkte als Chorleiter, komponierte, arrangierte Musik aller Art für diverse Ensembles, war Kirchenmusiker und Pfarrgemeinderat und nahm sich der Aufarbeitung musikwissenschaftlicher und kulturgeschichtlicher Themen im Umkreis seiner Heimatgemeinde an. Über 70 Jahre lang, bis zum November 2010 spielte er die Orgel in der Pfarrkirche St.Andrä, und dieses Amt bedeutete ihm immer sehr viel. Wichtig und außergewöhnlich war auch der Zusammenhalt innerhalb der Familie, die zwar in alle Welt „verstreut“ ist, aber immer wieder, nicht nur in schwierigen Situationen wie am Schluss, in Wördern zusammenfindet.

Nach einer „behüteten Kindheit“ und einer vom Nationalsozialismus „überschatteten Jugend“ – so bezeichnet er es selbst – verliefen Karls Studien in zwei „Etappen“: Von 1945 bis 1949 studierte er an der Universität Wien Musikwissenschaft und Germanistik und schloss dieses Studium mit dem Doktorat ab; er dissertierte über Palestrina. Das zweite Studium ist ebenso beeindruckend wie kurios: Nachdem er schon Lehraufträge an der damaligen Musikakademie innehatte und gleichzeitig als Musiklehrer am Gymnasium St. Pölten arbeitete, holte er 1968 in nur zwei Semestern das Musikpädagogikstudium (das eigentlich 4 Jahre gedauert hätte) nach. Danach war er 20 Jahre lang Musiklehrer: zunächst an mehreren niederösterreichischen Gymnasien, bevor er 1977 als Musikgeschichtelehrer ans Musikgymnasium in Wien wechselte. Diese Zeit in der Neustiftgasse betrachtete er als Höhepunkt seiner Unterrichtstätigkeit, als das „Paradies“, wie er selbst immer wieder sagte.

Wie bei allen Menschen seiner Generation spielte der 2. Weltkrieg eine dramatische Rolle im Leben des jungen Mannes: Bei mehreren Kriegseinsätzen wurde Karl Schnürl schwer verwundet, zuerst am Unterarm, später im Gesicht, er verbrachte lange Zeit im Lazarett und in Kriegsgefangenschaft, kehrte schließlich zurück und musste sich mehreren Operationen unterziehen. Die Armverletzung machte die erträumte Laufbahn als Korrepetitor unmöglich; „entstellt, doch trotzdem gelebt“, betitelte er später einen Bericht über seine Kriegszeit. Bei seiner Heimkehr begegnete er am Franz Josephs-Bahnhof der Liebe seines Lebens wieder, die er schon seit der Volkschulzeit kannte: seiner späteren Frau Maria, mit der er drei Töchter hat. Im Sommer des Vorjahres konnte das Jubelpaar noch die Diamantene Hochzeit feiern.

Besonders stolz war Karl auf seine Tätigkeit an der Universität Wien: Von 1963 bis 2002 unterrichtete er am musikwissenschaftlichen Institut „Notationskunde“ – insgesamt 74 Semester lang, was ganz sicher einen akademischen „Rekord“ darstellt. Er wurde im Laufe der Jahre und Jahrzehnte zu einem Spezialisten im Fachgebiet und verfasste eine große Anzahl sorgfältig gestalteter Skripten – und Stapel ausgezeichneter Unterrichtsmaterialien für seine Vorlesung. Ein Höhepunkt war sicherlich das Erscheinen seines Buches „1000 Jahre europäische Musikschriften“, das sich allerdings mehr Aufmerksamkeit und eine liebevollere Vermarktung verdient hätte: Es ist das einzige Werk, in dem das so komplexe Gebiet der Notationskunde methodisch ausgeklügelt und didaktisch genauestens durchdacht aufbereitet wird. Dass er auch zum „Erfinder“ der Meta- und der Paranotation wurde, die die Verwendung von Notenzeichen in außermusikalischen Zusammenhängen untersucht, zeigt seine Begeisterung für das Fachgebiet – und seinen Sinn für Humor!

Es ist beinahe unmöglich, alle zusätzliche Funktionen aufzuzählen, in die Dr. Schnürl berufen wurde – oder die zu übernehmen er sich in seiner selbstlosen und gutmütigen Art bereit erklärte: seine Tätigkeit in der AGMÖ, deren Ehrenmitglied er 2002 wurde, und als ständiger Mitarbeiter der „Musikerziehung“, seine Funktionen im Volksliedwerk und in der Gesellschaft für Musikwissenschaft, die Mitarbeit in allerlei Kommissionen und Autorenteams (man denke nur an das ausgezeichnete Schulbuch „Klangwelt – Weltklang“). Auch die zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen können nur exemplarisch genannt werden, allen voran das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, das Goldene Doktordiplom der Universität Wien, zahlreiche kirchliche Ehrungen sowie die Ehrenmitgliedschaften in etlichen Vereinen.

Bei der Durchsicht seines Schriften- und Werkverzeichnisses – Karl hat es selbst gründlich zusammengestellt (so wie er bis zuletzt auch zahlreiche Chroniken über die Familiengeschichte verfasst hat) – zeigt sich, was Karl Schnürl besonders auszeichnete: Er war ein Universalist im besten Sinne des Wortes. Er verfasste eine Reihe musikwissenschaftlicher Aufsätze, unterschiedliche Bücher (darunter auch ein „Musik-Taschenwörterbuch“, das mehrfach aufgelegt wurde), einen wichtigen Band der „Denkmäler der Tonkunst in Österreich“ über Wiener Lautenmusik im 18. Jahrhundert, Aufsätze über Musikpädagogik und zahlreiche Beiträge in Programmen und Jahresberichten, Zeitschriften und Büchern, Schulfunksendungen, Besprechungen, Würdigungen und Nachrufe. Im Zentrum vieler seiner Schriften steht der Gedanke der Vermittlung des Wissens – er war Lehrer mit Leib und Seele. Theorie und Wissenschaft waren für ihn niemals Selbstzweck: Deren sinnvolle und durchdachte Aufbereitung und Weitergabe standen im Mittelpunkt seines Tuns und Denkens.

Beachtlich ist auch sein kompositorisches Schaffen: Es umfasst kirchenmusikalische und sonstige Gebrauchsmusik für unterschiedlichste Besetzungen, Kinderopern, Chormusik, Klavier- und Orgelwerke und – als letzten Höhepunkt – seine Missa „Verleih uns Frieden“ aus dem Jahre 2006. Das alles ist viel mehr als „musikalische Bastelarbeiten“, wie er es selbst überschreibt.

Manches fiel ihm in den letzten Jahren schon schwerer, trübe Gedanken belasteten ihn immer wieder – dennoch blieb er stets interessiert an seiner Umgebung. Was dabei das Orgelspiel für Karl bedeutete, zeigt sich in dem schon erwähnten Gedicht: nebensächlich seien alle Arbeiten – „kein Hahn kräht morgen noch danach“, alle Ehrungen und Auszeichnungen – „die sprechen nur von Ehrgeiz und Besitzerstolz“, nur das Orgelspiel „könnte […] zählen, […] wenn’s von Herzen kam und Herzen rührte“. Im Mittelpunkt standen der Glaube (er absolvierte in der Pension auch ein Theologiestudium) – und die Liebe „als das Größte“: Liebe, die ihm „überreich zuteil“ wurde und die er „dankbar [weitergab] an alle, die sie brauchen“. Wer ihm begegnete, wurde von ihm freundlich und liebevoll aufgenommen und auf jede nur denkbare Art und Weise inspiriert. Mich begleitete er seit Kindestagen, gab mir Stunden in Musiktheorie, spielte mit mir vierhändig (und gemeinsam mit Eberhard Würzl auch sechshändig!) Klavier und war später mein Klavierbegleiter bei vielen Auftritten. Alle meine Arbeiten und Aufsätze hat er kritisch durchgesehen und war durch Anregungen und Kritik wesentlich an ihnen beteiligt – und „schuld“ an vielen Umarbeitungen! Aber er, der 45 Jahre älter war als ich, gab mir stets auch seine Arbeiten zum Lesen, nahm Lob und Kritik an und sehr ernst – und ebenso wie ich oft zum Anlass zum Überdenken und Überarbeiten. Das empfand ich als große Auszeichnung, und diese fachlichen Gespräche waren für mich eine außergewöhnliche Freude und Bereicherung. Bis heute verwende ich von Karl Schnürl erstellte Unterrichtsmaterialien: Dass diese nichts von ihrer Gültigkeit, nichts von ihrer „Brauchbarkeit“, ihrer Aktualität eingebüßt haben, zeigt wohl am deutlichsten die außergewöhnliche Qualität seiner Arbeiten.

Karl Schnürl wird lebendig bleiben: als Musiker und Pädagoge durch viele seiner Werke und als Mensch in der Erinnerung all jener, die ihm verbunden waren. Möge er sich nun erfreuen am „noch Schöneren“, auf das er hoffte und das er voller Gottvertrauen erwartete: In te, Domine, speravi, non confundar in aeternam!

Richard Böhm

Dieser Nachruf ist in der "Musikerziehung" sowie in der Zeitschrift des Vereins der Freunde des Wiener Musikgymnasiums erschienen.